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Ein Haus mit Gedächtnis

Was wäre, wenn ein Haus mehr erinnerte als einzelne Biografien?
Wenn Mauern nicht nur tragen, sondern bewahren würden?

Die Geschichte der Blauen Gans ist keine Abfolge von Besitzern und Umbauten.
Sie besteht aus Spuren – sichtbar und verborgen, miteinander verbunden.

Seit 1350

Um das Jahr 1350 bestand das Haus bereits.
1360 wird es erstmals erwähnt – nicht als Gasthaus, sondern als Wohn- und Wirtschaftshaus eines Salzburger Gewerken.

Die frühen Besitzer waren Unternehmer ihrer Zeit.
Sie handelten mit Silber und Arsen, besaßen Bergrechte in Gastein und Rauris und pflegten enge Verbindungen nach Süden.
Salzburg lag an einer der wichtigsten Handelsachsen Europas.

Die Blaue Gans war von Beginn an Teil dieser Bewegung.
Ein Ort des Ankommens und Weiterziehens.
Ein Haus, offen zur Welt.

Ein Haus aus vier Häusern

Die Blaue Gans war nie ein einzelnes Gebäude.
Sie entstand aus vier Häusern, die über Jahrhunderte hinweg zusammengewachsen sind.

Diese Herkunft ist bis heute spürbar.
Stufen, Niveauunterschiede und wechselnde Raumhöhen erzählen davon.
Die Architektur folgt keiner geraden Linie, sondern einer gewachsenen Struktur.

Handel, Wege, Welt

Die Handelsreisen führten bis nach Venedig.
Acht Tage dauerte der Weg über Tauern und Katschberg, über Pässe und durch Unwägbarkeiten.

Zurück kamen nicht nur Waren, sondern Eindrücke:
Zitrusfrüchte, Gewürze, Wein, Olivenöl.
Sie prägten die Küche der Stadt – und dieses Haus.

Diese Offenheit wirkt bis heute nach.
Die Küche der Blauen Gans versteht sich als Weiterdenken historischer Einflüsse:
verwurzelt in der Region, offen zur Welt.

Unsere Küchenlinie

Die Blaue Gans

Der Name erzählt davon bis heute.

Das historische Wirtshausschild zeigt einen Fasan mit schillernd blauem Kragen –
ein fremdes Tier, das zur Gans wurde.
Zur blauen Gans.

Eine Chronik aus dem Bauernkrieg von 1525 berichtet von einer Kanonenkugel,
die sich vor dem Haus im Mantel eines Bürgers verfing und ihm das Leben rettete.
Ein doppelter Glücksfall, überliefert und bewahrt.

Später kommt die Kindergeschichte hinzu:
Die blaue Gans als Pfau.
Vielleicht ist sie all das zugleich.
Ein Wesen zwischen den Kategorien.
Wie das Haus selbst.

Humor an den Wänden

Die Geschichte der Blauen Gans war nie nur ernst.

Wandmalereien erzählen von Spott, Spiel und Zeitgeist.
Humor gehörte zur Wirtshauskultur – als Gegenpol zur Schwere des Alltags.

Auch unter der Oberfläche setzte sich dieses kulturelle Leben fort.
Der heutige Weinkeller war einst Jazzkeller.
Musik, Gespräche und Nächte haben sich hier eingeschrieben.

Räume bewahren Erinnerung.
Nutzungen ändern sich, Atmosphäre bleibt.

Die Blaue Gans war immer auch ein Ort des Rückzugs.
Ein Haus, das Schutz bot – vor Öffentlichkeit, vor Lärm, vor der Welt.

Brüche

Nicht alles hat überdauert.

In den 1970er-Jahren verschwanden große Teile der historischen Einrichtung.
Modernisierung folgte dem Geschmack der Zeit.
Substanz ging verloren.

Was blieb, sind Fragmente – und das Bewusstsein, dass Geschichte verletzlich ist.

Rückkehr und Transformation

Über Jahrhunderte hinweg wurde das Haus weitergegeben – nicht als Projekt, sondern als Verantwortung.

1997 kehrte Andreas Gfrerer nach Salzburg zurück.
Nach 25 Jahren der Verpachtung übernahm er die Blaue Gans wieder als Eigentümer.

Er entstammt einem kunstsinnigen Elternhaus.
Der Blick auf das Haus war kein nostalgischer, sondern ein prüfender:
Wie lässt sich Geschichte weitertragen?

Über Jahre hinweg wurde umgebaut, renoviert und weitergedacht.
Nicht neu erfunden, sondern transformiert.

So entstand ein Arthotel, in dem zeitgenössische Kunst allgegenwärtig ist.
Über 300 Werke begleiten Gäste durch Zimmer, Gänge, Eingangsbereich und Weinarchiv.

Eine Originalzeichnung von Alfred Kubin ergänzt die Sammlung.
In seinem Roman Die andere Seite ist die Blaue Gans mehrfach Schauplatz des Geschehens.

Kunst in der Blauen Gans

Unter der Oberfläche

2012 wurde das Haus nach unten erweitert.
150 Quadratmeter tiefer, Richtung Erdmittelpunkt.

Archäologische Grabungen legten Schichten frei,
die bis in die Römerzeit reichen:
Münzen, Fibeln, Keramik, Fragmente aus Mittelalter und Neuzeit.
Einige Terrakottascherben stammen aus Kalabrien.

Der Boden wurde zum Archiv.
Geschichte lag unter den Füßen.

Ein lebendiges Gedächtnis

Die Geschichte der Blauen Gans endet nicht.
Sie setzt sich fort – mit jedem Aufenthalt, jeder Begegnung, jeder neuen Spur.

Dieses Haus bewahrt Vergangenheit.
Und bleibt offen für das, was kommt.