DANTE

Wie sähe er aus, dieser Ort, den wir fürchten müssten wie keinen anderen? Dante Alighieri wusste das ganz genau. Er hat ihn ja, als literarisches Weltwunder, selbst erschaffen.

Von Peter Kümmel
Aus der ZEIT Nr. 50/2023

Die Divina Commedia ist eines jener Bücher, die man aufschlägt, um sich darin zu verlieren. Ich bewege mich in ihr wie in einer unermesslichen Stadt, steuere Lieblingsplätze und finstere Ecken an und vergesse die Wege, die mich dorthin geführt haben. Ebenso wenig wie ich Paris, London oder New York je „kennen“ werde, könnte ich sagen: Ich habe die Commedia gelesen. Aber ich verirre mich mit Ehrfurcht und Schrecken immer neu in ihr.

Der Protagonist der Commedia geht ebenfalls verloren. Uns Lesenden eilt er als Wanderer voraus. Er steht am Karfreitag des Jahres 1300, ohne zu wissen, wie er dorthin kam, an der Pforte zum Jenseits. Zurück kann er nicht, drei Untiere schneiden ihm den Rückweg ab. Es bleibt nur die Flucht nach unten: Dante steigt hinab in die Hölle bis zu deren tiefstem Punkt, vorbei an den Verdammten, die dort in Ewigkeit für ihre Sünden büßen. Unten angelangt, klettert er – vorbei an Luzifer – zurück nach oben. Er gerät ins Purgatorium, wo die weniger hoffnungslosen Fälle an der Auswaschung ihrer Schuld arbeiten. Und schließlich erreicht er das Paradies, wo die Frau ihn erwartet, die er sein Leben lang geliebt hat, ohne sie je berührt zu haben: die selige Beatrice. Am Ende wird er zurück auf die Erde gelassen, um den Sterblichen von seiner Reise zu berichten – während Beatrice bei Gott bleibt, in der „Himmelsrose“, dem Ort der Seligen. Das ist, in fahrlässiger Kürze, die „Handlung“ der Commedia. Man könnte es noch kürzer sagen: Ein Mann sucht im Jenseits nach seiner toten Geliebten.

Wer ist der Mann? Er heißt Dante, und das ist auch der Name des Autors der Commedia. Haben wir es also mit einer Autobiografie zu tun? Das nicht, aber Dante Alighieri (1265 bis 1321) hat in seinem epischen Großgedicht, das auch Züge eines Dramas hat, sehr viel von seinem eigenen Leben untergebracht – ein frühes Stück Metaliteratur ist es schon. Man muss also unterscheiden zwischen Dante, dem Autor der Commedia, und Dante, dem Jenseits-Wanderer, dem erzählenden Protagonisten. Das ganze Gedicht ist ein herrliches literarisches Rätsel, ein Wimmeltheater unvergesslicher Auftritte, es diskutiert und inszeniert anschaulich das Wissen, die Philosophie und die Glaubensgrundsätze des 14. Jahrhunderts, ja, dieses Jenseits ist voller Menschen, die es wirklich gegeben hat, man könnte es durchaus verwechseln mit der Gedankenwelt des Dichters Dante. Und es ist voller beunruhigender Details und offener Fragen.
Die Dante-Forschung streitet beispielsweise seit Jahrhunderten darüber, ob die Beatrice der Commedia mit jener Beatrice Portinari übereinstimmt, die der reale Dante einst als Neunjähriger (sie war acht) in seiner Heimatstadt Florenz sah und der er von da an verfallen war, ohne mit ihr je in nennenswerten Kontakt zu kommen. So wie ich es verstanden habe, ist eine Mehrheit der Forscher dafür, die Beatrice der Commedia mit der realen, früh verstorbenen, von Dante auch nach ihrem Tod abgöttisch verehrten Beatrice gleichzusetzen. Was bedeuten würde, dass die Commedia ein Werk der Verklärung wäre: Liebeserfüllung mit den Mitteln literarischer Fantasie. Musste Dante selbst durch die Hölle, um den Verlust Beatrices zu überwinden?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass dieses dichterische Jenseits dazu dient, seinen Autor wenigstens hier mit Beatrice zusammenzubringen und die Nachwelt an der (rein spirituellen) Intimität der beiden teilhaben zu lassen.
Beatrice ist es, die den irrenden Dante sicher durch die Hölle navigiert: den Mann, dessen Liebe sie noch immer spürt und den sie – so suggeriert es der Autor – ebenfalls liebt. Von ihrem Platz im Paradies, nahe bei Gott, hat sie gesehen, in welcher Notlage er ist. Also schickt sie einen Lotsen zu Dante, der ihn führen soll. Sie schickt ihm einen, der niemals die Seligkeit erlangen wird, da er nicht getauft ist, dem aber auch die höllischen Strafen erspart bleiben, da er kein Sünder ist – Vergil, den großen römischen Dichter, der 1300 Jahre vor Dante lebte und von diesem glühend verehrt wird. Und so gehen sie gemeinsam – hinab in ein in den Grund gebohrtes, sich in der Tiefe verengendes, vielrangiges Theater des Grauens.

Wieso hat die Hölle diese Form? Dante erklärt es in der Commedia: Luzifer fiel, als er sich von Gott abwandte, förmlich aus dem Himmel und riss in seinem Sturz einen Trichter ins Erdinnere, an dessen tiefstem Punkt er selbst feststeckt – das Inferno. Je tiefer es hinabgeht, desto schwerer werden die Strafen. Faszinierend ist die Sorgfalt, mit welcher Dante (der Dichter) zahllose Zeitgenossen, Päpste, Kriminelle, Intellektuelle, Politiker sowie Gestalten der Mythologie und der Geschichte nebst ganzen oberitalienischen Bürgerschaften in dieser Hölle unterbrachte, der Leser spürt eine perverse Geborgenheit, wenn er im Schlepptau von Dante (dem Wanderer) durch die Höllenkreise geht. Denjenigen, die hier einsitzen, kann nichts Schlimmeres mehr passieren.

Es herrscht eine ausgeklügelte Sitz-, Liege- und Wohnordnung. Jeder Kubikzentimeter wird planvoll genutzt. Wer war der Baumeister? Gott oder doch Luzifer, der ganz unten im Hölleneis seinen Hass nährt mit der ewig sich erneuernden Menschenspeise, die er in seinen drei Mäulern hin und her malmt? Nein, Dante ist es! Dante schuf diese Hölle und hat sie selbst gefüllt. Er entschied, welcher Sünder auf welcher Streckbank, in welchem Sud, in welchem Dämonengebiss gefoltert wird. Angeblich ist ein gewisser Minos dafür zuständig, die eintreffenden Verdammten an ihren finalen Platz zu schleudern, aber in Wahrheit ist Dante der Platzanweiser. Jede Strafe des Infernos ist eine Maßanfertigung für den Sünder, dem sie gebührt. Eine fantastische finstere Gegenschöpfung heult hier vor sich hin, die in zwanghafter Liebe zum Detail beschrieben wird. Wer an Kafkas Strafkolonie denkt, liegt nicht ganz falsch, und auch Assoziationen an die Konzentrationslager Nazi-Deutschlands drängen sich auf, wobei es hier nicht um Vernichtung geht, sondern um ewigen Erhalt der Insassen; sie bleiben gewissermaßen intakt – und wenn doch mal einer verbrannt wird, setzt sich seine Asche sofort wieder zu einem quälbaren Ganzen zusammen.

Aus heutiger Sicht wirkt das, als habe ein Sadist die Sünden der Verdammten in unendliche Höllenqualen übersetzt und vergrößert, um seine Lust auszuleben. Dante, der Wanderer, geht indessen wie ein einfühlsamer Frontreporter hinab in den Höllenschlund; er weint, fällt in Ohnmacht, hat Mitleid. An bestimmten Orten hält er inne und lässt sich vom Sünder den Grund für dessen Verdammnis erklären. Aus den Flammen, Stürmen, brodelnden Kesseln, Eisblöcken, Drachenmäulern heraus, in denen sie sitzen, geben die Armen Auskunft. Keiner lügt, keiner leugnet. Sie berichten, wie und weshalb sie starben. Es ist eine Welt der zu spät kommenden Erkenntnis. Nie dauern diese Begegnungen lange, denn Dante muss ja weiter, die triebhafte Schaulust, diese universelle Seelen-, Geister- und Schattenbahn ganz auszukosten, hält ihn auf den Beinen. Wir Leserinnen und Leser folgen ihm im Sog eines bestimmten Reimschemas, der Terzinen. Aba bcb cdc ded – und so immer weiter zieht’s uns geschwind durch viele Tausend Verse. Zwei Wörter, die sich reimen, umschließen ein drittes, das im Folgenden zwei neue Reimwörter zeugt. In der Sicherheit dieses Formprinzips wagt man sich, gewissermaßen an der festen Hand des genialen Dichters, hinab ins Fürchterliche. Allerdings ist die literarische Form der einzige Halt, den es hier gibt. Denn wir befinden uns auf der Hinterbühne der Welt. Die Spieler sind abgeschminkt und entblößt, sogar ihres Fleisches beraubt: Schatten- und Flammenexistenzen. Man sieht ihre pure Essenz. Vorbei die Intrigen, die sie sich vorn, vor Publikum, bereitet haben. Es ist hier für alles zu spät. Nur nicht für Vergeltung.

Unvergesslich die Szene mit Graf Ugolino, der im neunten Höllenkreis mit seinem Feind, dem ehemaligen Erzbischof von Pisa, in einem Eisloch zusammengefroren ist. Ugolino schlägt seine Zähne in Schädel und Nacken des Feindes – und zwar nicht nur jetzt, sondern immer wieder und für alle Zeiten. Als Dante ihn fragt, woher dieser fürchterliche Hass rührt, wischt sich Ugolino den Mund (mit dem Haupthaar des Angefressenen!) und erklärt seine Beweggründe. Und siehe: Man versteht sie. Der Erzbischof hatte Ugolino und dessen vier Söhne den Hungertod sterben lassen, und womöglich – Dante lässt es in der Schwebe – hat Ugolino im Hungerwahn seine eigenen Kinder verzehrt. Nun, im Inferno, nagt er auf ewig an dem, der ihn verhungern ließ. Es gibt keine Flucht; man entkommt nicht dem Feind und nicht dem, an dem man sich versündigt hat; in der Intimität maßloser Vergeltung hocken sie übereinander, der eine verleibt sich den anderen ein, hackt ihm den Schädel auf und frisst seine Hirnmasse, ohne dass der andere in seiner Substanz schwindet – Schädel und Hirn wachsen offenbar nach. Und offenbar erneuern sich auch die Leiber der Verräter (Brutus, Longinus, Judas), die von Luzifers drei Mäulern unablässig zermalmt werden; Luzifers Gebisse laufen hier auf Grund. Alle Menschen, die es seiner Ansicht nach verdienen, im großen Gedicht zu überdauern, sperrt Dante, der Autor, hier zusammen, damit Dante, der Wanderer, mit ihnen sprechen, von ihnen lernen und insgeheim über sie triumphieren kann – als derjenige, der ihrer Hölle entkommt. Mehr als 600 Gestalten enthält die Commedia; geborgen sind sie im einzigen Ordnungssystem, welches so viele Menschen verschiedenster Epochen und Länder, Tote und Erdachte, zu fassen vermag – im Kopf des Dichters. In einer Nachwelt, die wie ein gewaltiges, vieldimensionales Spinnennetz voll zappelnder Opfer ist.

Was außer der Freude, eine Hölle zu erschaffen, kann solch ein Werk antreiben? Was außer der Lust, selbst Flamme zu sein? Nun, die Commedia besteht ja nicht nur aus der Hölle, dem Ort der vollkommenen Hoffnungslosigkeit, sondern auch aus dem Purgatorium und dem Paradies. Im Purgatorium gibt es Hoffnung, und im Paradies braucht man sie gar nicht mehr. An all diesen Orten blickt man zurück auf das vergangene Leben. In der Commedia, so kann man sagen, diskutiert die Menschheit ihre Möglichkeiten, der eigenen Fleischlichkeit zu entkommen: als Verdammte, als Hoffende oder als Selige. Doch während ich dem Inferno-Autor jedes Wort und jedes Detail glaube, lässt mich das Paradiso eher kalt. Hier, unter den Seligen, begegnet Dante seinem Urururgroßvater, unser Autor stammt also offenbar aus bester Familie – was er durchaus selbstherrlich zu erkennen gibt. Wie er überhaupt keinen Zweifel daran lässt, dass für ihn nur das Paradies als Zielort infrage kommt.

Im allerletzten Canto (Gesang) der Commedia betet gar der heilige Bernhard für Dante, er bittet Maria, ihn vom „Nebel der Sterblichkeit“ zu befreien. Dante lässt also in seiner eigenen literarischen Schöpfung um seine Unsterblichkeit bitten. Und man muss sagen: Er hat sich die Bitte am Ende selbst erfüllt, durch sein Werk. Aber wie kann einer glücklich in den Himmel auffahren, wenn er doch weiß, dass unter ihm, in der Hölle, Milliarden Unglücklicher für alle Zeiten Qualen ohne Maß erleiden werden? Wie kann er solche Auserwähltheit ertragen?

Die Unbarmherzigkeit derer, die sich auf der richtigen Seite, beim richtigen Gott wähnen, die Unerbittlichkeit und Anmaßung Dantes – auch gegenüber jenen, die keine Chance hatten, das Paradies zu erlangen, weil sie zu früh geboren waren –, das alles macht die Göttliche Komödie, dieses literarische Weltwunder, auch zu einem unheimlichen, fundamentalistischen Werk.
Als Leser von heute hat man den bizarren Impuls, die Dantesche Hölle mitsamt allen Insassen zu befreien und ihre Folterknechte zur Rechenschaft zu ziehen. Oder hinauf ins Paradies zu stürmen und den kalten Seligen dort oben in ihre hohen Lichter zu spucken.

Aber im Ernst, wer hat sie denn nun eigentlich erbaut, die Hölle? In Dantes Gedicht wirkt sie wie ein Gemeinschaftswerk, geformt nach Gottes Plan, deformiert vom Hass des Teufels und ausgekleidet mit Blut und den Ausscheidungen der Sünder. Aber über dem Tor zur Hölle steht noch vor den entsetzlichen Worten „Ihr die ihr eintretet: Lasst alle Hoffnung fahren!“ etwas anderes: „Vor mir war nichts Erschaffenes zu finden“, was in den Worten des Philosophen, Historikers und Dante-Übersetzers Kurt Flasch dies bedeutet: „Nichts Irdisches wurde vor ihr erschaffen, sie wird ewig bestehen.“ Folgt daraus nicht, dass die Hölle einmal leer gewesen sein muss? Sie hat sich nicht parallel zum Sündengeschehen der Menschheit entwickelt, sie war schon vorher da, betriebsbereit und bezugsfertig. Und sie war so geplant worden, dass sie mehr Verdammte fassen konnte, als es damals, zu Dantes Zeit, an Lebenden auf Erden gab. In anderen Worten: Die Hölle ist das Werk eines Schöpfers, der mit dem Schlimmsten rechnet, eines Gottes, der der eigenen Schöpfung misstraut.

Dante entkommt der Hölle. Ihn führt die Liebe einer Frau bis zu Gottes Thron. Ganz oben, „im dritten Kreis des höchsten Rangs“, sieht Dante sie ein letztes Mal: Beatrice, die sein Leben bestimmte, die Unerreichbare, auf die er zulebte und die er doch verfehlte, sitzt ferner denn je in einem Kranz aus Licht. Er aber muss nun ins Diesseits zurück, um den Sterblichen von seiner Reise zu berichten. Natürlich ist er sich sicher, dass sein Platz, wenn er einst für immer ins Jenseits einrückt, im Paradies sein wird. Das ist – wie die ganze Göttliche Komödie – eine gewaltige Anmaßung. Läge es nicht näher, dass Minos dem Autor dieses Werkes einen Platz im Inferno anweisen würde?
Wer die Commedia liest, denkt jedenfalls unwillkürlich darüber nach, wo, in welchem Höllenkreis er selbst seinen Platz hätte. Da ich Sünden verschiedenster Art begangen habe, muss ich mich fragen, welche die schwerste war und wie tief Minos mich hinunterschleudern würde. Und ich frage mich, wie voll die Hölle jetzt, in diesem Moment, wohl sein müsste. Schätzungen zufolge stehen den heute lebenden acht Milliarden etwa 100 Milliarden Menschen gegenüber, die vor uns gelebt haben. Also müsste die Hölle eine Megaweltstadt sein: Mumbai plus Mexico City, São Paulo, Tokio, Peking, Moskau, Teheran, Kairo, Lagos, Istanbul, New York – all das zusammengewachsen und hoch zehn.

Seien wir froh, dass sie nicht existiert, sondern in Dantes Kopf ihre blühende, fürchterliche Vollendung gefunden hat. Hoffentlich. Hoffentlich nur dort.