HAUSKÜNSTLER


LIFT KARAJAN / WILLIAM KENTRIDGE



Lulu Act 3 Sc 1, 2017 - Linolschnitt auf Papier, farbig gefasst


Die von William Kentridge zur Unterstützung seiner Ausstellung Thick Time. Installationen und Inszenierungen am Museum der Moderne Salzburg produzierte Druckgrafik basiert auf einer Zeichnung, die im Zuge seiner Inszenierung der Oper Lulu des österreichischen Komponisten Alban Berg entstanden ist. Diese im dritten Akt unvollendet gebliebene und 1937 uraufgeführte Oper wurde von Kentridge im Jahr 2015 für De Nationale Opera in Amsterdam und die Metropolitan Opera in New York inszeniert und seither an zahlreichen Häusern aufgeführt.

 

Alban Berg adaptierte in Lulu zwei Stücke des deutschen Dramatikers Frank Wedekind über den Aufstieg und Fall der gleichnamigen Femme fatale und schuf dazu eine bahnbrechende Zwölftonkomposition. Die Oper ist in ihrer Struktur spiegelbildlich aufgebaut: In

der Dramaturgie folgt auf den sozialen Aufstieg der Abstieg der Protagonistin; ebenso ist die Personenkonstellation symmetrisch gestaltet. In gleicher Weise bildet die Musik ein Palindrom aus ansteigenden und absteigenden aufgelösten Akkorden.

 

Zur Einarbeitung in Lulu schuf Kentridge eine große Zahl an Zeichnungen und Linolschnitten, in denen er einen Bezug zur Entstehungszeit der Oper herstellte. Insbesondere beschäftigte er sich dabei mit Arbeiten von Vertretern der europäischen Kunstbewegungen des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit wie Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann. Aus seinen Papierarbeiten entwickelte Kentridge eine dreidimensionale Kulisse mit skizzenhaften Projektionen; Lulu erhielt ein Kleid aus Papier.

 

Ähnlich wie die Struktur der gesamten Oper ist auch der Linolschnitt dialektisch aufgebaut und einer von zwei Teilen eines größeren Bildes zur ersten Szene im dritten Akt. Der zweite Teil dieses Bildes wurde von Kentridge für eine Druckgrafik zur Unterstützung des in Kapstadt betriebenen webbasierten Kunstmagazins ArtThrob verwendet. Beide Blätter sind eigenständig, aber wer das „ganze Bild“ besitzen möchte, kann mit einem Erwerb der zwei Druckgrafiken beide Projekte unterstützen. Kentridge hat über seine Druckgrafik zu Lulu eine Partnerschaft der Städte Salzburg und Kapstadt beziehungsweise der Länder Österreich und Südafrika initiiert.

 

Die Zeichnung, insbesondere in ihrer technischen Umsetzung als Druck, stand für Kentridge immer für einen experimentellen Umgang mit einem Thema und für einen politischen Zusammenhang, speziell in Verbindung mit Südafrika. In den 1970er-Jahren schuf er Siebdruckplakate für die Black Trade Unions, für Studentenproteste und für Experimentaltheater-Aufführungen, in denen Kentridge

selbst auch Rollen spielte. Besonders während des Kampfes gegen die Apartheid waren Drucktechniken einfache Mittel, um Geschichte festzuhalten. Für Kentridge bedeutet ein Druck stets mehr als die technische Reproduktion einer ausgewählten Zeichnung und er findet dabei immer wieder neue innovative Formen.

 

Sabine Breitwieser


Über den Künstler

 

William Kentridge wurde 1955 in Johannesburg, Südafrika, geboren, wo er lebt und arbeitet. Sein Werk wurde in Einzel- und Gruppenausstellungen in den bedeutendsten Museen auf der ganzen Welt gezeigt, unter anderem am Museum of Modern Art, New

York, 2010; der Tate Modern, London, 2012; auf Großausstellungen wie der documenta X unddocumenta11, 1997 und 2002, Kassel.

 

Publikationen (Auswahl)

 

Thick Time. Installationen und Inszenierungen. Iwona Blazwick, Sabine Breitwieser, Hg., Ausst.-Kat.,

London: Whitechapel Gallery (engl. Ausgabe).

Salzburg: Museum der Moderne Salzburg. (München, 2016, dt. Ausgabe).

 

NO IT IS. William Kentridge. Exhibitions/Performances/Lectures. Wulf Herzogenrath, Anne McIlleron, Angela Breidbach, Ausst.-Kat., Berlin: Martin-Gropius-Bau. (Köln, 2016).

 

William Kentridge. Five Themes. Mark Rosenthal, Hg., Ausst.-Kat., San Francisco: San Francisco Museum of Modern Art. (New Haven, 2009).

 

William Kentridge. Carolyn Christov-Bakargiev, Hg., Ausst.-Kat., Mailand: Castello di Rivoli Museum d’Arte Contemporanea. (Mailand, 2003).

 

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