LANGE NACHT DER MUSEEN


Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte die Lange Nacht in der Blauen Gans sich gerne noch länger hinziehen dürfen. Das Arthotel hallte wider von begeisterten Kommentaren und beeindrucktem Raunen der hereinströmenden Menschenscharen. In den mittelalterlichen Aufgängen, im gläsernen Rahmen des Innenhofs, in den Zimmern und Suiten, im Kellergewölbe versammelte sich das Publikum vor der Vielfalt von Andreas Gfrerers Sammlung internationaler zeitgenössischer Kunst.

 

 

 

 

Sternstunden der Nacht waren die Führungen des Julius Deutschbauer. Gelassen wortgewandt jonglierte der Künstler - er selbst bezeichnet sich als "Performer, bildender und Plakatkünstler, Filmer und Autor ohne festen Wohnsitz" - mit seltenen Lesefrüchten und überraschenden Assoziationen. Titel der Veranstaltung war "Gegen den Strich" - und so erwiesen sich auch die Koinzidenzen. Die von Deutschbauer gefundenen, erfundenen literarischen Entsprechungen zu den im Haus platzierten Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen kamen ironisch daher, nachdenklich, tiefernst und provokant - wer denkt denn schon bei Siegfried Anzingers Darstellung von Mutter und Kind an Jonathan Swift's recht ungewöhnliche Fantasie vom Wohlgeschmack von Kinderfleisch? Allerdings wurde uns glaubwürdig versichert dass die Küchenchefs der Blauen Gans in dieser Hinsicht keinerlei Ehrgeiz hegen.

 

 

Jonathan Meese, als denkbar unkonventionell bekannt - verbiss sich - si non e vero e ben trovato -  während eines Wutanfalls in den Teppich seines Hotelzimmers, wir hören dazu eine Schilderung der Zustände Nietzsches aus 'Genie, Irrsinn und Ruhm', der überdimensionale Dollarschein von Benjamin Heisenberg am Treppenabsatz geht einher mit Vincent van Gogh's verzweifelten Bitten um Geld in Briefen an seinen Bruder.

 

Als wir vor der riesigen Zeichnung eines Schweinekobels von Hauenschild/Ritter stehen, schwärmt die Schriftstellerin George Sand von diesen ihren frei laufenden Lieblingstieren auf Mallorca. Ein Elektro-Auslass korrespondiert mit der 'Poetik des Mauervorsprungs' von Jan Turnovsky, auch eine Bibelstelle darf nicht fehlen: in Ingo Pertramers historischer Aufnahme der Einkaufswagerl-Einhausung des Mozart-Denkmals durch Anton Thuswaldner, passenderweise vor dem Lift, sieht Deutschbauer die Jakobsleiter aus dem Buch Genesis zitiert.

 

Natascha Kampusch kommt zu Wort, in der Abgeschlossenheit der neuen Suite. Samuel Beckett's Zitat vom 'Gestern, das zum Trocknen aufgehängt ist an der Wäscheleine der Zeit' illustriert eine Hinterhof-Fotografie von Rosemarie Trockel. Der großen Hanna Arendt widmet Deutschbauer den Brückenschlag zur Rotweinflasche, die Eichmann vor seiner Hinrichtung halb austrank.

 

Der Stationen, Attraktionen, Texte und geistreicher Kommentare waren es weit mehr ...

 

Die komplexen, gleichzeitig genial eingängigen Verbindungen, die Julius Deutschbauer aufbaute, beschäftigten die Geführte noch lange. Beinah hätte ich ihm geglaubt, dass die Künstler selbst die relevanten Bücher in der Nähe der Werke versteckten und er sie nur hervorholte.

 

 

 


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